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"Der Mann trägt eine pelzbesetzte Jacke, hohe Stiefel
und eine hohe Mütze und er tanzt mit äusserst schnellen
und gewandten Schritten. Dabei zieht er zwei Messer hervor,
die er zwischen die Zähne steckt, zwei weitere, die er
mit offenen Klingen in gefährlicher Nähe seiner
Nase zu deren beiden Seiten balanciert. Schliesslich führt
er das Kunststück aus, ein fünftes Messer, immer
im Takte der typisch orientalischen Musik weiter tanzend,
auf seiner Nase schweben zu lassen." So kam es dann auch: Übersetzungsschwierigkeiten und Verständnisprobleme erschwerten die Aufnahme tatsächlicher Beziehungen. Auch beim nachfolgenden Kongress der Völker des Fernen Ostens blieb das Problem bestehen: die fernöstlichen Delegierten kamen sich wie eine Gruppe "Halbtauber" und "Halbstummer" vor. "Trotzdem wurden sie überall von sowjetischen Begleitern herumgeführt. Aber eigentlich, so meinte Chang Kuo-Tao, war es umgekehrt: "Wir wurden nicht zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten gebracht, um diese kennenzulernen, sondern es war so, dass wir nur dahin gebracht wurden, damit die russischen Bürger uns sehen konnten. Wir wurden als das exotische und aufregendste Propagandaobjekt regelrecht vorgezeigt." Begeistert berichtet der Delegierte Katayama über die
lebhafte Mimik Lenins während seinen Reden. Mehr konnte
Katayama auch gar nicht berichten, da er aufgrund fehlender
Übersetzung auch nicht ein einziges Wort von dem verstehen
konnte, was der Genosse Lenin eigentlich sagte. Während
dieses seltsamen Kongresses favorisierten die Redner Sinowjew
und Safarow die Notwendigkeit nationaler Revolutionen in den
vom Imperialismus betroffenen Ländern. Dementsprechend
wurde die alte Losung der Komintern: Proletarier aller Länder
vereinigt euch! um den Zusatz "... und unterdrückte
Völker der ganzen Welt" ergänzt. Folkloristische Darbietungen, wie der Messertanz aus dem
Film von 1920 sowie revolutionäre Volkslieder bildeten
sein Repertoire. Dazu passt die Anekdote jener chinesischen
Delegation, die, um auf "internationalistischer"
Ebene mitzuhalten, die heissbegehrten "revolutionären
Volkslieder" erst einmal erfinden musste. Diese Art kultureller
Politik diente also dazu, die angenommenen Basiselemente internationalistischer
Politk, nämlich die "Völker und Nationen"
gewissermassen rückwirkend zu konstruieren. Dabei ergab
sich auf kultureller Ebene eine natürlich wirkende Hierarchie
zwischen der proletarischen avantgardistischen Hochkultur
der sowjetischen Zentren und den archaisch-folkloristischen
Kulturelementen ihrer Peripherie. Der leninistische Multikulturalismus
erzeugte also eher eine Rangordnung Auf der Seite des Feinde weltweiter Befreiung wurden hingegen Personen und Organisationen identifiziert, denen genau gegenteilige Eigenschaften zugeschrieben wurden: sie galten als mobile und abstrakte Wesen, die raum- und geschichtslos seien, gleichzeitig überall präsent und nirgends zu verorten. Als Allegorien des Nicht-Identischen wirken sie auf gesellschaftlicher Ebene ent-fremdend, auf individueller Ebene ver-rückt, auf der Ebene der Erscheinungen ent-stellt. Aufgefüllt werden diese Positionen mit dem "Finanzkapital" als Antagonistin der unterdrückten Klasse und mit "entwurzelt" oder kosmopolitisch genannten Personengruppen als Gegensatz zu den völkisch geerdeten unterdrückten "Völkern". In der beschriebenen Logik des Verhältnisses zwischen Territorium und legitimer Repräsentation erscheinen auch diese Gruppen als "natürliche Verbündete". Diese imaginäre Gleichung hat sich in die ökonomischen
Allegorien der Gegenwart fortgesetzt: Es ist geradezu zur
Chiffre kapitalistischer Globalisierung geworden, sie durch
Mobilität, Grenzüberschreitung sowie durch flexible
und hybride Identitäten darzustellen. Einer globalisierten
trans- oder multinationalen Kapitalistenriege wird strukturell
ein depraviertes, als "wurzellos" imaginiertes,
"ethnisch" markiertes Reserveproletariat zugeordnet.Nicht
zuletzt aufgrund dieser Zuschreibungen, die sich in rechtlichen,
symbolischen und moralischen Dispositiven niederschlagen,
wird die Es nützt deswegen höchstens der Kapitalfraktion
etwas, wenn die Zuschreibungen "freiflutender" Mobilität
und "Wurzellosigkeit" in öffentlichen Diskursen
und kulturellen Produktionen aufgewertet werden, weil sie
sich innerhalb der angewendeten Logik problemlos in die Affirmation
ökonomischer Flexibilisierung und weltweiter Durchkapitalisierung
ummünzen lassen. Mit dieser oberflächlichen Sichtweise
wird ein Problem umgangen: Wie können als ent-fremdet,
ent-stellt und ver-rückt entwertete soziale Räume
und Geschichtsperspektiven in politisch relevante Repräsentativität
überführt werden, ohne den regressiven, binären
und strukturell antisemitischen Denkbildern des klassischen
Internationalismus immer wieder aufzusitzen? Polemisch liesse sich sagen, dass etwa das verzwickte Konzept des "strategischen Essentialismus", das durch Annahme einer gleichzeitig abgelehnten Identität, bzw. gesellschaftlichen Rolle zur Erlangung politischer Handlungsfähigkeit dienlich sein soll, in diesem Kontext auf ironische Weise an der Figur des vaterlandslos-nationalen Proletariats vorbeischrammt. Leider lässt sich aus dem geschichtlichen Kontext auch ersehen, dass der essentialistisch-nationale Faktor gegenüber dem strategisch-bündnispolitischen ständig an Bedeutung gewann. Eine Verstärkung des territorialen Moments in der Repräsentation des "Internationalen" lässt sich auch derzeit immer deutlicher beobachten: die Nachfrage an neo-folkloristischen, territorial legitimierten Bildern von "Communities" und ähnlich ethnisierten und minorisierten Gruppierungen nimmt stetig zu. Ebenso wie im leninistischen Multikulturalismus scheint die Eintrittskarte in einen globalisierten Kulturkanon die Referenz auf bestimmte lokale Traditionen und Riten darzustellen - die Vorbedingung, um überhaupt repräsentiert zu werden. Dies gilt - ebenso wie in der Sowjetunion allerdings nur für die Bewohner der Peripherien. In den Zentren dagegen sind Kunst- und Kulturproduzentinnen von der Bürde des lokalen befreit und bearbeiten "universale" Themen. Auf der Ebene eines medialen Multikulturalismus verwirklichen
sich die Tendenzen gleichzeitiger Universalisierung des Globalen
und seiner Repartikularisierung in abgepackte Konsumfragmente
des Lokalen. Auf diese Weise werden in den westlichen Metropolen
"Scheindialoge" unter durchweg westlicher Kuratel
inszeniert, für die die passenden "revolutionären
Volkslieder" erst geschrieben werden müssen. Zweifellos
sind auch weitere Messertänze zu befürchten. |